Chronik

Aufbruch

Samstag, 21. Juni 2008, 18.30 Uhr
KKL Luzern

Ludwig van Beethoven
Fidelio-Ouvertüre

Daniel Hess
Sinfonie Nr. 5 für Sopran und Orchester (Uraufführung)

Antonin Dvorak
Sinfonie Nr. 9 "Aus der neuen Welt"

Orchester Santa Maria
Solo: Madelaine Wibom, Sopran
Leitung: Dieter Lange

Zu den einzelnen Werken ...

Ludwig van Beethoven (1770–1827)
Fidelio-Ouvertüre op.72b, 1814

Die Ouvertüre im Schaffen Beethovens

Parallel zu seinen neun Sinfonien und ungefähr im selben Zeitraum komponierte Beethoven insgesamt elf Ouvertüren. Die erste entstand 1801 zum "Prometheus"-Ballett, die letzte, "Die Weihe des Hauses", fällt in die Zeit der 9. Sinfonie (1822). Für seine einzige Oper "Fidelio" (bzw. "Leonore") hat Beethoven in den Jahren zwischen 1805 und 1814 nicht weniger als vier sehr verschieden gestaltete Ouvertüren konzipiert. Die intensive Auseinandersetzung mit den Problemen der Gattung wirkt dann noch weiter in den bedeutenden und oft aufgeführten Ouvertüren zu "Coriolan" (1807) und "Egmont" (1809/10).

Die Mehrzahl der Ouvertüren sind Teil von Schauspielmusiken, die die Aufführung von Theaterstücken eröffneten, begleiteten bzw. unterbrachen. Einige sind Gelegenheits- und Auftragswerke, andere waren dem Komponisten schöpferisch ausserordentlich wichtig. Das Besondere an Beethovens Ouvertüren ist, dass sie die dramatische Handlung des nachfolgenden Stücks (Theater, Ballett oder Oper) weit intensiver in den musikalischen Verlauf aufnehmen, als dies bei früheren Beispielen der Gattung Ouvertüre gebräuchlich war. Sie bereiten nicht nur auf das Drama vor, sondern tragen es vielmehr aus, werden so fast zu autonomen Tondichtungen. So führt von Beethovens Ouvertüren ein direkter Weg zur programmatischen Instrumentalmusik des späten 19. Jahrhunderts.

Die Oper "Fidelio" und ihre Ouvertüren

Die Entstehung von Beethovens einziger Oper Fidelio, zuerst "Leonore" genannt, fällt in die Jahre 1804 bis 1806. Das Werk ist eine "Rettungs- und Befreiungsoper", wie sie Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts in Frankreich erfolgreich waren. Beethoven sah darin die Möglichkeit, die gegen jede Tyrannei gerichteten Prinzipien der politischen Freiheit, der Gerechtigkeit und der Brüderlichkeit oder einfach die Rettung eines unschuldigen Helden aus höchster Not zum Ausdruck zu bringen. Jean Nicolas Bouillys Libretto für die Oper "Léonore ou L'amour conjugal", an die sich Beethovens "Fidelio" anlehnt, soll die Geschichte einer Madame de Tourraine zugrunde liegen, die in der Zeit der Französischen Revolution als Mann verkleidet ihren Gatten aus der Gefangenschaft der Jakobiner in Tours befreit. Die Uraufführung von "Leonore" - nach mehrfacher Verschiebung und zwischenzeitlichem Verbot – im November 1805 in Wien war recht erfolglos.

Daraufhin erfuhr die Oper mehrfache Revisionen. Zunächst mit leichten Änderungen am Text, uraufgeführt im März 1806. Danach erfolgte eine weitere Umarbeitung. Von diesem für Beethoven durchaus mühsamen Arbeitsprozess zeugt ein 250 Seiten starkes Skizzenbuch. Die Uraufführung der nun in "Fidelio" umbenannten Oper erfolgte erst 1814. »Die ganze Sache mit der Oper ist die mühsamste von der Welt. Es ist ein großer Unterschied, sich dem Nachdenken oder der freien Begeisterung überlassen zu können. Kurzum, ich versichere Sie, lieber Treitschke, die Oper erwirbt mir die Märtyrerkrone.« So schrieb Beethoven, während er seine Oper "Fidelio" zum dritten Mal bearbeitete.

Eine besondere Geschichte haben die Ouvertüren zu "Fidelio". Beethoven hat deren vier geschaffen: Leonore Nr. 1 für die erste Aufführung im Jahre 1805, Leonore Nr. 2, die Leonore Nr. 1 ersetzte, Leonore Nr. 3 für die zweite Bearbeitung und schliesslich die "Ouvertüre Fidelio" in E-Dur, die noch heute als Eingang zur Oper gespielt wird. Sie trifft mit den stürmischen Eröffnungstakten, den geheimnisvoll-spannungsgeladenen Harmonien und dem gleichmässigen, symphonisch konzipierten Allegro den Charakter der ersten Nummern der nachfolgenden Oper wie auch die weitreichenden Ideen und Ideale dieses musikalischen Dramas.

Daniel Hess
Sinfonie Nr. 5 für Sopran und Orchester (Uraufführung)
»...soll bebend noch dies Trauerlied erklingen.»

Der Titel ist ein Zitat aus dem ersten Text, der vom Sopran zu leiser Orchestermusik gesprochen wird ("Noch eh’ des Todes..."). Als Trauerlied ist das ganze Stück auch konzipiert. Ein melancholisches, meist stilles und kontemplatives Erinnern an das vergangene Leben.

Die Texte stammen von Charlotte Schiller (geb. von Lengefeld), 1766-1826, der Ehefrau von Friedrich Schiller. Sie schrieb zeit ihres Lebens Gedichte. Charlotte von Lengefeld galt später immer als die perfekte Hausfrau und Mutter, aber auch als langweilig und stumpfsinnig. Dabei zeigt ihr Briefwechsel mit Schiller, welch tiefsinnige Frau sie war. Schiller schrieb Goethe von dem künstlerischen Talent seiner Ehefrau, und dieser war ebenfalls ein guter Freund Charlottens. Zwei dieser hier verwendeten Texte entstanden 1805, also kurz nach dem Tode ihres Ehegatten. In ihrer Schlichtheit und tief empfundenen Trauer zeugen sie von einer tiefen Liebe zu ihrem allzu früh verstorbenen Mann. Auch im 4 Jahre später geschriebenen Sonett herrscht noch immer ein äusserst tragischer elegischer Ton.

Musikalisch sind diese drei Lieder lyrisch und eher still gehalten. Sie sind eine Erinnerung an schöne vergangene Zeiten, die nie mehr wiederkommen. Nur in Gedanken kann man noch etwas vom früheren Glück aufleben lassen. Zu Beginn und in Zwischenspielen, in den reinen Orchesterstellen kommt die Realität in all ihrer Direktheit zum Klingen. Hier sind gefühlsintensive Ausbrüche und die reale, diesseitige Welt dargestellt.

Die Musik ist ganz auf Melodik und Harmonik aufgebaut. Ausser Pauke fehlt Schlagzeug, ebenso avantgardistische Spielanweisungen. Die Sinfonie soll den Hörer direkt gefühlsmässig ansprechen und dauert etwa 23 Minuten.

Antonin Dvorak (1841–1904)
Sinfonie Nr. 9 "Aus der neuen Welt"

Die 9. Sinfonie des tschechischen Komponisten Antonin Dvorak markiert zugleich den Endpunkt und Höhepunkt in seinem absoluten sinfonischen Schaffen. Das populärste Werk des Meisters, entstanden zwischen Dezember 1892 und dem 24. Mai 1893, uraufgeführt am 16. Dezenmber 1893 in der Carnegie Hall in New York, löste jedoch wegen seines Untertitels "Aus der neuen Welt" einen Wildwuchs von Legenden aus, die scheinbar nicht aus der Welt zu schaffen sind. Manche meinen, die Sinfonie sei im Wesentlichen durch Melodien geprägt, welche Dvorak in Amerika kennengelernt habe. Dabei ist die Überschrift keinesfalls als programmatische Erklärung der Musik zu verstehen, vielmehr als ein von Dvorak spontan hinzugefügter Titel, der nichts weiter bedeutet als "Eindrücke und Grüsse aus der neuen Welt". Dvorak selber war belustigt über die heissen Diskussionen, was denn nun an "Neuer Welt" in seinem Werk wirklich vorhanden war. Und daraufhin äusserte er zwei herrlich spöttische Sätze. Inhaltlich besagten sie etwa: Was habt Ihr nur für Probleme mit dem Titel "Aus der neuen Welt"? Bei mir zu Hause in Prag weiss jeder sofort, was gemeint ist. Dazu muss man wissen, dass es in Prag auf dem Burgareal Hradschin eine Strasse mit eben dem Namen "Novy svet", also "Neue Welt", gibt, die zwar heute ein beliebter Wohnort für Künstler ist, zu Dvoraks Zeiten aber immer noch eine Strasse der gesellschaftlich eher zwielichtigen Einwohner war.

In die "Neue Welt" kam der sehr heimatverbundene Böhme erstmals im September 1892. Er folgte einer Einladung der New Yorker Millionärin Jeanette Thurber, die 1885 das National Conservatory for Music gegründet hatte. Die musikbegeisterte Dame wollte ihrer Schule mit einem berühmten Lehrer zum Durchbruch verhelfen. Sie unterbreitete 1890 Dvorak einen finanziell und künstlerisch verlockenden Zweijahresvertrag bei jährlich achtmonatiger Tätigkeit als Kompositionslehrer und Orchesterdirigent. Nach längerem Zögern nahm der Komponist ein Jahr später das Angebot an.

Die vielseitige Tätigkeit in New York, die vielen Besuche bei einflussreichen Leuten und die zeitraubende Arbeit als Lehrer, hielten ihn zu seinem Unmut vorerst von der Kompositionstätigkeit fern. Erst um die Weihnachtszeit des Jahres 1892 fand er die dazu notwendige Ruhe. Rasch entwarf er die Skizzen zu einer neuen Sinfonie. Auslösendes Moment für die Komposition war dabei das Versepos "The Song of Hiawatha" von Henry Wadsworth Longfellow, notabene dessen tschechische Übersetzung. In diesem Werk finden sich Beschreibungen und Bilder des Dvorak unbekannten amerikanischen Binnenlandes. Diese Naturschilderungen faszinierten den Böhmen und regten fortan seine Fantasie an.

Dvorak stand zugleich unter gewaltigem Erfolgsdruck, da die Sinfonie sein erstes in Amerika komponiertes Werk darstellte, und er seine Fähigkeiten erst zu beweisen hatte. In der Tat kann die Sinfonie als Auseinandersetzung eines böhmischen Komponisten mit Eindrücken eines fremden Landes bezeichnet werden. "Amerikanisch" ist dabei nicht das verwendete melodische Material, sondern lediglich die Atmosphäre der amerikanischen Schwarzen- und Indianermusik, die Dvorak durch spezifische Charakterzüge in seinem Werk lebendig werden liess. So zum Beispiel im Melodischen die Pentatonik (Fünftonleiter), das melodische Kreisen um einen einzelnen Ton und die Bevorzugung des erniedrigten Leittons, im Rhythmischen die Synkopierungen, das rhythmische Ostinato und die sogenannte "Scotch-snap", das ist die Abfolge punktiertes Viertel - Achtel - Achtel - punktiertes Viertel.

»Der Erfolg der Symphonie war enorm; die Zeitungen sagen, noch nie hatte ein Componist einen solchen Triumph. Ich war in der Loge, die Halle war mit dem besten Publikum von New York besetzt, die Leute applaudierten so viel, dass ich aus der Loge wie ein König mich bedanken musste«, schrieb Dvorak an seinen Verleger Simrock. Bis heute gehört "Aus der neuen Welt" zu den populärsten Sinfonien des 19. Jahrhunderts.

1. Adagio-Allegro molto:

Die 9. Sinfonie von Dvorak hebt mit einer langsamen Einleitung an, die 23 Takte dauert. Sie kann, da sie motivisches Material verwendet, das nirgends mehr im Werk wieder aufgegriffen wird, als eigenständiger kurzer Satz bezeichnet werden. Das traurig anmutende melancholische Motiv, einem Seufzer gleich, steht dabei im Gegensatz zum mutigen, lebensfrohen Hauptthema des Allegros. Ab Takt 24 ist der Kopfsatz in der Struktur durch die klassisch traditionelle Sonatenhauptsatzform gekennzeichnet. Die Exposition wird wiederholt, ihr schliesst sich eine Durchführung an, die in eine kurze Reprise mündet. Eine ausgedehnte Coda beendet den Kopfsatz furios.

2. Largo:

Der zweite Satz, den der Komponist als "Legende" bezeichnete, atmet die endlose Weite der Prärie. Dieser ergreifende Trauergesang ist nach Dvoraks eigenen Worten durch eine Szene aus Longfellows Dichtung "Hiawatha" angeregt worden, und zwar durch die Totenklage Hiawathas, dessen treue Gefährtin Minnehah dahingeschieden ist. In schmerzlicher Melancholie singt das Englischhorn die Hauptmelodie, mit der dieser verinnerlichte Satz in erhabener Ruhe ausklingt. Berlioz hat bezüglich des Englischhorns in seiner Instrumentenlehre geschrieben, sein Klang (sei) weniger durchdringend, mehr verschleiert und schwerer als der der Oboe, (...) seine Töne sind schwermütig, träumerisch, edel, etwas verschwommen, gleichsam aus der Ferne kommend; kein anderes Instrument ist so gut geeignet, Bilder und Empfindungen vergangener Zeiten aufs Neue zu erwecken, wenn der Komponist die verborgenen Saiten zarter Erinnerungen klingen lassen will.

3. Scherzo. Molto vivace:

Das Scherzo beginnt mit einem rhythmisch markanten Thema, das den Festtanz der Indianer zur Hochzeit Hiawathas vorbereitet. Das zweite Thema, durch die Violoncelli vorgetragen, gemahnt stark an einen böhmischen Tanz, und das Trio kann zu Recht als böhmische Sousedska bezeichnet werden, die uns in Erinnerung ruft, wie stark Dvorak mit seiner Heimat verbunden war. In der Coda setzt sich mit aller Kraft das Hauptthema des ersten Satzes durch. Zart verhallend klingt das Scherzo aus.

4. Allegro con fuoco:

Pathetisch kommt das Hauptthema des vierten Satzes daher, das nach einer grossen Steigerung von den Trompeten und Hörnern vorgetragen und sogleich von den Streichern und Holzbläsern weitergeführt wird. Dagegen klingt das zweite Thema in den Klarinetten verträumt, gar etwas entrückt. Ein charakteristisches Merkmal ist der Vorwärtsdrang des Satzes, der sich schwungvoll steigert, während der kurzen Reprise beinahe zum Stillstand kommt, um dann umso mächtiger die Coda zum absoluten Höhepunkt der Sinfonie erheben zu können, in der alle entscheidenden Themen nochmals kurz aufgenommen werden.